Biographischer Essay


Heinz Winbeck wurde am 11. Februar 1946 in Piflas bei Landshut als viertes Kind einer niederbayrischen Arbeiterfamilie bäuerlicher Herkunft geboren.

Die „arme Kindheit“ war in der Erinnerung von Heinz Winbeck immer eine glückliche. Auch das völlige Fehlen eines musikalischen Bildungshintergrunds – sieht man von der Tatsache ab, daß sein biologischer Vater im Wirtshaus ein beliebter Gstanzelsänger gewesen sein soll – glich der Junge durch Selbsterlernen der Buchstaben- und Notenschrift im Alter von vier Jahren aus. Er hatte sich notgedrungen selbst eine Beschäftigung gefunden, da die als Putzfrau tätige Mutter ihn einsperren mußte.

„Sinn und Geschmack für´s Unendliche“ weckte die katholische Kirche, der die tiefreligiöse Mutter als Mesnerin, der Sohn als Ministrant und alsbald auch als Organist diente. Dazu mußte aber erst ein Pfarrer den Buben schlimm mit seinem Motorrad zusammenfahren, bevor ein anderer geistlicher Herr bezüglich des Schmerzensgeldes entschied: „Kaufts dem Buam a Klavier!“, und damit die Voraussetzung für eine Musikerlaufbahn schuf.

Die Lehrerin beförderte den Übertritt des hochbegabten Kindes ans humanistische Hans-Carossa-Gymnasium. Allerdings entwickelte er sich dort vom Lieblingsschüler zum Klassenrebell, der vorzugsweise schuleschwänzend am Isarufer komponierte und seine ganze Klasse auf Kriegsdienstverweigerung einstimmte – immerhin hatten ihnen noch kriegserfahrene Lehrer „richtiges Schießen“ im Unterricht demonstriert!

Die erste Münchenfahrt (1964) mit dem Ziel, sich am Richard-Strauss-Konservatorium über die Bedingungen eines Musikstudiums zu erkundigen, führte sogleich zur Begegnung mit der Pianistin Magda Rusy, die den Halbwüchsigen sofort aufnahm und als wunderbare Lehrerin förderte. Dirigieren (Fritz Rieger) und Komposition schlossen sich an, wozu Heinz Winbeck 1967 aber an die Münchner Musikhochschule zu Jan Koetsier, Harald Genzmer und Günter Bialas wechselte.

Vor allem der Eintritt in die Kompositionsklasse von Günter Bialas war entscheidend, da man sich hier, bestärkt durch den Lehrer, den jüngsten Entwicklungen der Neuen Musik öffnete – aus dieser Klasse entstand das, was man in den Siebzigern dann zeitweise als den losen Verband der „Münchner Schule“ zu charakterisieren suchte und sich dann ja auch in den Konzerten der Reihe „Musik unsrer Zeit“ etablierte, wo diese frühen, noch mit dem Studium verbundenen und doch schon freien Ensemblestücke wie „Espaces“, „Sonoscillant“, „Sie tanzt“ nach Gedichten von Nelly Sachs ein interessiertes Publikum fanden.

Selbst war er vom Weg über die Wiener Schule, und da von der Musik Alban Bergs, so tief ergriffen, daß er, das Menschliche immer im Zentrum, mit seiner Frau einen unvergeßlichen Besuch bei der 86-jährigen Helene Berg in Wien machte. Persönliche Begegnungen stellten im Leben von Heinz Winbeck immer Lichtquellen dar, die lange Zeit wieder ein großes Dunkel erhellten, gleich, ob das Helene Berg, die Bäuerin Franziska Jägerstätter, (Franz Jägerstätter, als Kriegsdienstverweigerer unter Hitler enthauptet), oder Bundespräsident Gustav Heinemann war, der die Villa Hammerschmidt nicht nur Staatsgästen, sondern eben auch der Kultur öffnete, die er gesellschaftlich unterbelichtet fand. In dem Fall der Neuen Musik Wilhelm Killmayers (Dirigent: Heinz Winbeck), und man anschließend mit dem Ehepaar Heinemann, Hilde Domin, Eugen Kogon u.s.w. über die kritische politische Lage und das richtige Handeln des Bundespräsidenten diskutierte.

Heinz Winbeck, der 1972 mit dem Staatsexamen sein Studium abschloß, führte sein „Gesellenstück“ „Entgegengesang“ für Orchester, beim Stuttgarter Musikfest 1974 auf. Obwohl nun mit ersten Preisen bedacht, wollte sich der freischaffende Komponist doch auch einem „Brotberuf“ stellen und wurde musikalischer Leiter des unter der Ära Seiltgen aufstrebenden Theaters Ingolstadt, mit viel Gewinn in musikalischer, literarischer und psychologischer Erfahrung, aber auch erheblichen Kräfteverschleiß mit der Gefahr des Verlusts des „Eigenen“, sodaß er sich nach vier Jahren trotz lukrativer Angebote losriß und sich wieder in die Freiheit begab.

1980 übernahm Heinz Winbeck einen Lehrauftrag an der Musikhochschule München, ab 1987 als Dozent für Tonsatz und Gehörbildung. Er erhielt 1981 den Förderpreis der Stadt München, die tz-Rose (zusammen mit Leonard Bernstein!) nachdem 1980 im Herkulessaal auch seine „Lenau-Fantasien“ vom Münchner Kammerorchester mit großem Echo aufgeführt worden waren. Hier löste er sich von den Zwängen einer das Experimentelle immer weiter vorantreibenden Avantgarde, um frei von Tabus das aufzuschreiben, was das innere Ohr hört, wenn es sich in eine dialogische Situation über Zeiten und Lebensgrenzen hinweg begibt.

Zeitgenössisch blieb Heinz Winbeck in einem existentiellen Sinn, ob in der metaphysischen Radikalität seiner 1. Sinfonie, ‚Tu Solus‘ (1984), ob in der die Evolution bis zur „gejagten“, letztlich auch musikvernichtenden Gegenwart umspannenden Universalität der zweiten (1987), ob in der geschichtlichen Tragik der dritten, ‚Grodek‘ (1988).
Der höchst persönliche eigene Weg über Tradition und Moderne hinaus, den er dann von Sinfonie zu Sinfonie entschlossener beschritt, trug ihm auf der einen Seite große Begeisterung von suchenden Mitmenschen ein, die ihre Höreindrücke ihm in langen Briefen schilderten, auf der anderen Seite aber Ablehnung jener Hardliner der Neuen Musik, die ihn als „rückfällig“ aus ihren Reihen ausschlossen.

Heinz Winbeck griff den Fehdehandschuh nicht auf, zog sich aber immer mehr zurück, obwohl mit Aufführungen seiner Sinfonien in Donaueschingen, in der Reihe „Musik unsrer Zeit“ in München, Bonn und Saarbrücken in den Achtzigern eigentlich ein breites Fundament für eine Karriere als Komponist gelegt war. Sowohl Stolz als auch Bescheidenheit, auf jeden Fall aber eine Art von Schamgefühl hinderten den Niederbayern, sich selbst besser zu vermarkten. Er mußte fast mit Gewalt in die „große Welt“ geholt werden, lehnte ein Villa-Massimo-Stipendium in Rom ab, komponierte während eines Stipendiums in Paris 1982 aber die drei Orchesterfragmente „Denk ich an Haydn“, (Heine läßt grüßen).

Dem Dirigenten Dennis Russel Davies, der Winbecks Musik in Donaueschingen gehört hatte, gelang es aber, ihn 1988 über den Ozean nach Kalifornien zu bringen, als „composer in residence“ beim Cabrillo-Festival in Santa Cruz. Diese Aufführungen und v.a. auch die damit verbundenen menschlichen Begegnungen sollten unvergeßlich bleiben. Dennis Russel Davies war es dann auch, der fast alle Sinfonien Winbecks uraufführte. Das „hell strahlende“ Amerika-Erlebnis sollte Winbeck allerdings so herausreißen aus der Fertigstellung der in einer völlig anderen „dunklen“ Stimmung angesiedelten 3.Sinfonie „Grodek“, daß er die Fertigstellung zur UA im November (in der Reihe ‚Musica Viva‘, Herkulessaal München) nur in letzter Sekunde nach dem Durchschreiten einer tiefen Depression schaffte.

Mit den drei großen ersten, in Landshut in einem alten Fischerhaus an der Isar geschriebenen Sinfonien hatte sich Heinz Winbeck fast vollständig von den Ensemblestücken der siebziger Jahre ab und der großen Form zugewandt, kontrastiert nur durch Kammermusik.
Er suchte wohl die Herausforderung der großen Form, die den großen Bogen und die unbedingte Expression verlangte. Heinz Winbeck zog in jeder Sinfonie die Summe seiner Existenz – und damit die der jeweiligen Zeit, deren Erschütterungen er wie ein Seismograph in sich aufnahm.

Ende der achtziger Jahre begann durch die Übertragung der Kompositionsprofessur an der Musikhochschule Würzburg ein neuer Lebensabschnitt. Vom Fischerhaus an der Isar zum
Jura-Pfarrhof im Altmühltal, der auch erst durch Restauration vor dem Verfall gerettet werden mußte, dann aber als „offenes Haus“ auch anderen Künstlerfreunden, Komponisten und Kompositionsstudenten Raum bot, sogar eine intensive „russische Phase“gab es – zeitgleich mit Glasnost!

Heinz Winbeck war das Unterrichten seiner Kompositionsklasse sehr wichtig, obwohl er keine „Richtung“, „Schule“ vorgab – verbindlich war allein die Konsequenz in der Ausarbeitung der eigenen Ideen, musikalische Glaubwürdigkeit im Sinn des inneren Hörens und Sinn für formale Proportionen – die Beherrschung des „Handwerks“ immer vorausgesetzt. Aber auch die wache Auseinandersetzung mit den brennenden Problemen der Zeit, ihre Spiegelung in Philosophie, Naturwissenschaft, Literatur und den anderen Künsten. Was hier vielleicht etwas zu ganzheitlich ideal klingt, entsprach aber ganz seiner schulisch unverdorbenen eigenen autodidaktischen Leidenschaft von klein auf, mit der er nun als guter Lehrer seine Studenten anzustecken vermochte und nicht selten nach Aussage vieler (nach seinem überraschenden Tod) ihr Leben richtungsweisend bereichert hatte.

Nachdem die Mutter 1993 eines schweren Todes gestorben war und der Sohn sie nicht mehr retten hatte können, legte er ihr sein größtes Werk in den Sarg, sein Requiem (4. Sinfonie) - sicher eine einzigartige Grabbeigabe für die einfache tiefreligiöse Frau, die im Todeskampf gleichwohl keinen Trost aus der Religion hatte schöpfen können. Auch den Sohn traf es in der Zeit seiner „größtmöglichen Entfernung von der Kirche“ - dennoch setzten sich in dieser „ungeheuer“ groß dimensionierten Seelenwanderung ins Innere der Erde nach der nur gesprochenen Trakl-Einleitung die Teile der katholischen Totenmesse durch: Requiem, Lux perpetua, De Profundis, Dies Irae, Tuba Mirum…, aber nicht in der traditionell frommen, ernsten, letztlich aber doch befriedenden Weise, sondern aufgewühlt, die Verzweiflung hinausschreiend aus dem verlorenen Herzen. „Größtes Werk“ läßt sich auf Besetzung, Dauer (8o Minuten), Anspruch, Tiefe, Bedeutung beziehen.

Uraufgeführt wurde dieses Opus im Jahr 1993 in Bonn und Köln durch Dennis Russel Davies. Der existentiellen Wucht dieses für viele angsteinflößend überfordernden Riesenwerkes war die allabendlich nur ihren Job verrichtende Musikkritik nicht gewachsen, da sie dem Komponisten Größe, Aufwand und existentielle Authentizität eher verübelte.
Vielleicht hätte Heinz Winbeck diese vierte Sinfonie als letzte belassen, wenn nicht Dennis Russel Davies - interessanterweise während sich Dirigent und Komponist im Schlußapplaus nach Aufführung der zweiten Sinfonie im Wiener Konzertverein verneigten - ihn um die Beendigung von Bruckners unvollendet gebliebenen neunten Sinfonie gebeten hätte.

„Jetzt und in der Stunde des Todes“ sollte diese aufs engste mit Anton Bruckner verbundene und doch originäre dreisätzige Komposition heißen, die nach sieben Jahren Vorarbeit 2010 (mit dem Arbeitstitel „In Bruckners Kopf“) letztendlich von D.R. Davies und dem Brucknerorchester als 5. Sinfonie aus der Taufe gehoben wurde. Heinz Winbeck war zu dem Schluß gekommen, daß das Komponieren des Finales mit dem vorhandenen Material falsch und vermessen wäre – die bereits vorhandenen Versuche bewiesen dies - nicht aber der Versuch, ein Panorama der inneren Wahrnehmungen eines sterbenden Komponisten zu entwerfen, der im Scheitern sein „Finale“ im doppelten Sinn des Wortes vor sich hat. Die Bewußtseinswelt Bruckners war ihm ja zutiefst vertraut.
Angesichts der besonders langen „Inkubationszeit“ dieser 5. Sinfonie, die zu einem Teil mit den Verpflichtungen der „Lehre“ zu tun hat, ist aber auch der sehr eigenen Arbeitsweise von Heinz Winbeck zu gedenken. So komponierte er weder am Klavier noch am Computer, fertigte auch fast keine Skizzen an, sondern baute - nach den meist sehr langen Vorarbeiten – ein inneres Bild von einer Partiturseite nach der anderen in Kopf und Herz in sich auf, bis diese – fehlerfrei handschriftlich – sofort ins Reine geschrieben wurden. Zu verstehen war das nicht.
Es sollte sein letztes großdimensioniertes Werk werden und in seiner Auseinandersetzung mit dem Phänomen Tod von Jugend auf von der romantischen Todessehnsucht über das Grauen der Weltkriege und des Holocaust bis zur Beschäftigung mit Nahtoderfahrungen und dem Artensterben den Höhepunkt bilden.

Allerdings gab es noch einen lyrischen Nachklang: die auf Wunsch des Choreographen Jochen Ulrich als „Tanzmusik“ komponierten „Lebensstürme“, (2011), wie die schon länger – 1996 – komponierte und ebenfalls „vertanzte“ „Winterreise“ auch konzertant aufführbar. Ein wehmütig schönes Abschiednehmen, das in seinem Lebensstrom wie kostbare Inseln fünf Schubertlieder trägt.
Danach sagte der vom Musikbetrieb Zurückgezogene auf die Frage seiner Schüler oder Freunde, warum er nicht mehr komponiere, stets „Ich habe alles gesagt.“

Er starb in der Nacht des 26. März 2019 eines für alle überraschenden Todes an Lungenentzündung.

Die von ihm noch betreute, von Thorsten Preuß eingeleitete und von Andreas Ziegler (TYXart) verlegte CD-Box mit all seinen fünf Sinfonien, zu der er gleichwohl gedrängt werden mußte, erschien einige Monate nach seinem Tod.
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Aber trotz Rückzug und lebenslangen Kampf gegen die Melancholie, (noch verschärft durch das Wissen vom Selbstmord seines leiblichen Vaters), Parteinahme immer für die Opfer, die Gejagten der menschlichen Erfolgsgeschichte, war Heinz Winbeck kein düsterer oder gar verbitterter Mensch, sondern ein zufriedener, manchmal sogar humorvoller! Hört man das nicht auch?

Gerhilde Winbeck, 15. Februar 2020

[© by Gerhilde Winbeck]

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